Nicht uninteressant. Für diejenigen, die es nie gesehen haben: es gab bei den Bunnylectures immer eine Tafel, auf der das auf der Bühne ausgebreitete Wissen von einem Bunnygraphen in Diagramme umgesetzt wurde, und sicherlich wird das bei der Rueckkehr der Bunnies auf die Buehne auch erneut der Fall sein. Das war schon relativ anvantgardistisch. WIE SEHR allerdings, das sagt uns Walter Benjamin in Einbahnstrasse.

Benjamin kündigt den Augenblick in der Geschichte der Schrift an, in dem "Quantität in Qualität umschlägt und die Schrift, die immer tiefer in das graphische Bereich ihrer neuen exzentrischen Bildlichkeit vorstößt, mit einem Male ihrer adäquaten Sachgehalte habhaft wird. An dieser Bilderschrift werden Poeten, die dann wie in Urzeiten vorerst und vor allem Schriftkundige sein werden, nur mitarbeiten können, wenn sie sich die Gebiete erschließen, in denen (ohne viel Aufhabens von sich zu machen) deren Konstruktion sich vollzieht: die des statistischen und technischen Diagramms. Mit der Begründung einer internationalen Wandelschrift werden sie ihre Autorität im Leben der Völker erneuern und eine Rolle vorfinden, im Vergleich zu der alle Aspiration auf Erneuerung der Rhetorik sich als altfränkische Träumereien erweisen werden."

… habe ich Dir einmal auf der Bühne über die Schulter geschaut und dabei beobachtet, wie Du Dir nach einem Gespräch mit einem Gast folgende Sätze notiert hast, ich zitiere mal aus dem Gedächtnis:


Der Grundsatz: ›sich an Differenz statt Identität orientieren‹ entspringt zunächst einem Ungenügen an der metaphysischen Ontologie, die komplexe Gegenstandstypen nicht beherbergen kann. Er motiviert zum Entwurf einer neuartigen Gegenständlichkeitskonstitution. Im Bemühen, die komplexen Gegenstände, welche die Ontologie heillos überwuchern, zu fassen, wird eine kategoriale und theorietheoretische Basis für eine autonom de-ontologisierte Wissenschaft geschaffen. Diese Basis erreicht eine beachtliche Selbständigkeit mit ihrer Abrundung im Autopoiesis-Gedanken und der Ablösung ihrer Selbstreflexion und Selbstverantwortung von den apriorischen und anderen fundationalen Konzepten der Philosophie. Sie nimmt dann die Form einer protologisch verfassten Beobachtungstheorie [an], die sowohl natürliche als auch wissenschaftliche Thematisierungen umfängt.

Liebes Supatopcheckerbunny,

schön soweit. Man darf das mal sagen. Man darf auch mal sagen "Alles wird gut!", aber irgendwann muss man dann auch wieder "So!" sagen und weitermachen mit dem Differenzieren. Denn damit, mit der Differenz, beginnt theoretisch alles, die Welt. Mit der Trennung von Tag und Nacht beginnt die Schöpfung, der Mensch muss das Paradies verlassen, als er zu der Unterscheidung von Gut und Böse fähig ist.
Die Systemtheorie denkt nur in Unterscheidungen, sonst gäbe es sie gar nicht, steht aber sicher der fröhlichen Meldung von Dir und der Sesi etwas ratlos gegenüber. Manchmal ist es durchaus sinnvoll, mit Identität zu arbeiten, um weitere Zugriffe zu ermöglichen. Aber es ist eigentlich schon so, dass man das eher in die andere Richtung betreibt; man bezeichnet erst mal System und Umwelt, holt dann aber nicht einfach die Umwelt zurück ins System, wie Ihr das macht. Jede Menge Ärger bekommt Ihr da, nicht zu Unrecht, von den ganzen kleinen Differenz- und Identitätspolitikfraktionen, über die sich das Kabarett so dumm wie möglich lustig macht (afro-amerikanische sado-masochistische Gender-Studies-Professorin).
Aber andrerseits kann man es auch so sehen, dass gerade Ihr die Modernen seid wegen Eurer Bereitschaft, Identitäten ständig neu und fluktuierend zu denken.
Ich überleg noch mal bisschen, vielleicht erst mal Musik.